Der Schrei 


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„Claaaaaaark!!!“

Lois war wie erstarrt. Sie kauerte auf dem kalten Boden, aber sie fühlte die Kälte nicht. Sie starrte in Richtung der Tür, durch die soeben Clarks Leiche gezerrt worden war, aber sie sah sie nicht. Sie nahm überhaupt nichts mehr wahr. Nicht ihre vom Schreien wehe Stimme, nicht die mitleidigen Blicke der anderen Bargäste, nicht die Tränen, die ihr über das Gesicht ins Dekolleté strömten. Da war nur Leere. Eine große Leere machte sich in ihr breit und sie konnte nur noch eines denken: „Clark!“

Oh, Gott, nein! Wieder schrie sie seinen Namen, aber dann schlich sich in ihr kaltes Denken eine noch kältere Gewissheit: Clark war tot. Erschossen. Weg. Verloren. Für immer. Lois verbarg ihr Gesicht in den Händen und brach auf dem Boden zusammen. Vor lauter Schluchzen konnte sie schon nicht mehr richtig atmen, ihre Gedanken schrieen nur noch „Nein, nein!“ und ihr Körper zitterte und bebte in einer Verkrampfung, aus der sie nie wieder loskommen würde.
Lois registrierte nicht den zunehmenden Lärm um sie herum, die wieder einsetzende Musik und die Menschenmenge, die sich tuschelnd wieder in Bewegung setzte. Keiner kümmerte sich mehr um die schluchzende Frau in dem roten Kleid, die sich da augenscheinlich in etwas hineinsteigerte. Niemand schenkte Lois in ihrem Weinkrampf mehr Beachtung, bis auf einen älteren Herrn, der wohl gekleidet war und einen sehr gebildeten Eindruck machte. „Das arme Mädchen muss diesen Erschossenen ja sehr geliebt haben“ dachte er bei sich und kniete sich auf den Boden, um zu fragen, ob er ihr helfen könne.
„Lady?“

Die plötzliche Berührung einer großen, warmen Hand auf ihrer Schulter schreckte Lois aus ihrer Erstarrung hoch. Mit weit aufgerissenen, tränenverschleierten Augen fixierte sie den fremden Mann, und nach einer Sekunde, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, sprang sie auf die Füße und rannte raus aus dem Spielcasino. Raus, nur raus, an die frische Luft und weit weg von diesem schrecklichen Ort. Auf der Straße rannte Lois und rannte, bis sie nicht mehr konnte, weil ihr das Herz bis zum Halse klopfte und drohte, ihr die Luft abzuschnüren. Um nicht nochmals zusammenzubrechen, zwang sie sich zum weitergehen, fiel immer wieder gegen die Hauswände. So irrte die einst so zielstrebige Lois Lane ziellos durch die regennassen, menschenleeren Straßen, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, wo sie sich nun gerade befinden könnte. Ihre einzigen Gedanken waren „Clark“, „tot“ und „nein“. 
Diese drei Wörter kreisten unaufhörlich in ihrem Kopf, bis sie es nicht mehr aushielt, stehen blieb, und beide Hände seitlich an ihre Schläfen presste, wie wenn sie dadurch die Gedanken zum Schweigen bringen könnte. Nun brach alles aus ihr heraus und sie schrie die Worte in den schwarzen Himmel, so als ob sie Clark auf seinem Weg nach oben noch erreichen könnten:
„Clark! Komm zurück! Clark! Bitte!!! Ich liebe dich! Verdammt!!! Warum war ich so dumm? Warum hab ich es dir nie gesagt? Ich wusste es doch schon so lange! Clark, komm zurück zu mir...“
Mit den letzten Sätzen erstarb ihre Stimme und Lois sank auf der nassen Straße zusammen.


Nachdem der Wagen der Gangster mit quietschenden Reifen um die Ecke gebogen war, rappelte Clark sich auf aus dem Müllhaufen, in dem er so unsanft abgeladen worden war und klopfte seinen Anzug sauber. 

Aber im gleichen Moment meldete sich sein Bewusstsein wieder, das ihm sagte, dass es sehr schlecht wäre, wenn jetzt jemand auf der Straße Clark Kent begegnen würde, der doch gerade eben vor etlichen Augenzeugen erschossen worden war. Nach ein paar prüfenden Blicken in die Gott sei Dank leeren Straßen wirbelte er in sein Superman-Kostüm und versuchte dann, seine Gedanken zu sortieren. Was war da eigentlich passiert?
Um seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen, war die einzige Möglichkeit, die er in den Millisekunden nach Clyde Barrows Schüssen auf ihn in Betracht ziehen konnte, sich tot zu stellen. Da er seinen Atem ja lange genug anhalten konnte, war es ein leichtes für ihn, die Leiche glaubhaft zu spielen. Die Sache mit der Beherrschung seiner Regungen, dem Verbleiben in einer absoluten Erstarrung fiel ihm dann allerdings gar nicht mehr leicht, als sich Lois mit einem Aufschrei aus Entsetzen und Trauer auf ihn warf. Oh Gott, Lois!
So lange liebte er sie schon, dieses Gefühl, was er bereits bei ihrer ersten Begegnung hatte, war mit jedem Tag ihres Zusammenseins tiefer und intensiver geworden. Er liebte sie so sehr, dass es ihn innerlich fast zerriß, als sie weinend über ihn gebeugt kniete und wieder und wieder seinen Namen rief. Ihre Hand auf seinen Lippen war für ihn dann so intensiv wie ein Kuss, eine so zärtliche und liebevolle Geste, dass er es beinahe nicht mehr ertragen konnte, ihr seinen Tod vorzuspielen. 

Am liebsten hätte er sie in die Arme genommen und gesagt, dass alles wieder gut wird. Dass er sie liebt und nie, nie verlassen wird.
Aber schon zerrten die Gangster Lois von ihm herunter und ihn hinaus zum Auto.
Oh, Gott, wie würde es Lois jetzt wohl gehen? Hatte sie sich wieder gefangen? Hatte sie Hilfe? Vielleicht sogar von der Polizei? Oder hat sie sogar wieder die Geistesgegenwart gehabt, Perry oder die Polizei selbst zu verständigen? Oder hatten Al Capone und die anderen etwa auch ihr was angetan?
Dieser Gedanke versetzte Clark einen Stich in sein eigentlich unverletzbares Herz, und er konnte die Ungewissheit nicht mehr ertragen. Noch bevor er einen Gedanken daran verschwenden würde, wie er denn mit dem Verlust seiner Identität Clark Kent umgehen könne, musste er sich wenigstens aus der Ferne davon überzeugen, dass Lois in Ordnung war.

Clark hob vom Boden ab und schwebte los in Richtung des Clubs, nicht allzu schnell, damit seinen Ohren kein wichtiges Geräusch entging. Schnell war er am Ort des Geschehens angekommen, scannte mit seinem Röntgenblick durch die Mauern, konnte Lois aber drinnen nirgends mehr entdecken. Beim Anblick des Guckloches in der Eingangstür hörte er in Gedanken Lois noch einmal „Schwertfisch“ sagen und ein kaum merkliches Lächeln glitt über seine Lippen. Er musste sie unbedingt finden. Sie war seine große Liebe, sie war sein Leben, sie bedeutete einfach alles für ihn, und er musste einfach die Gewissheit haben, dass es ihr gut ging.

Also machte er sich nun in die entgegengesetzte Richtung auf, um nach ihr zu suchen, und schon nach wenigen Metern drang ihre Stimme in sein Supergehör: „Clark!“ Wie ein Blitz schoss er los, und schon hatte er sie aufgespürt. In einer einsamen Gasse mitten im Hafengebiet (wie war sie um Himmels Willen alleine in der kurzen Zeit so weit gekommen?) stand sie mitten auf der Straße, hielt die Hände an ihren Kopf gepresst und schrie hinauf in den Himmel: „Komm zurück! Clark! Bitte!!! Ich liebe dich!“
Clark war plötzlich wie erstarrt. Er hielt den Atem an und sein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Völlig unfähig, sich zu rühren, konnte er nichts weiter denken als „sie liebt mich“.
„Verdammt!“ Lois Stimme wurde leiser. „Warum war ich so dumm?“ Ihre Arme fielen herunter und sie senkte den Kopf. „Warum habe ich es dir nie gesagt? Ich wusste es doch schon so lange!“ Lois sackte in die Knie und Clark hatte selbst mit seinem Supergehör große Schwierigkeiten, ihre letzten Worte zu verstehen: „Clark, komm zurück zu mir...“
Clark war immer noch wie erstarrt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, sein weiteres Vorgehen zu planen. Wenn sie ihn tatsächlich liebte, wäre es dann nicht das einfachste, ihr zu sagen „Lois, ich lebe noch, weil ich Superman bin, und ich liebe dich auch.“? Sein Herz schrie zu ihm, genau das zu tun, aber sein Verstand sagte ihm, dass er damit entweder eine deftige Ohrfeige einfangen würde oder aber Lois dann völlig zusammenbrechen würde. Mit der ersteren Möglichkeit könnte er leben, aber zweiteres wollte er angesichts ihres labilen Zustandes nicht riskieren. 
Überhaupt, ihr Zustand! Clark stand nun schon eine halbe Ewigkeit wie angewurzelt auf der gleichen Stelle und starrte auf die Frau, die er über alles liebte und die in etwa 50 Meter Entfernung von ihm wie ohnmächtig mitten auf der nassen Straße lag. Ein Häuflein Elend in einem dünnen roten Kleid.


Der Anblick der leidenden Lois auf der kalten Erde brachte Clark dann urplötzlich zur Besinnung und in weniger als einem Wimpernschlag war er bei ihr, fasste sie an und wollte sie behutsam vom Boden aufheben. Bei Lois aber löste dies den selben Effekt aus wie ein paar Minuten zuvor schon einmal. Sie war mit einem Satz auf den Füßen und starrte mit großen Augen in das Gesicht von – Superman! „Du???“
Mein Gott, was war sie schön. Unendlich zart und zerbrechlich und doch in ihrem Schmerz und Zorn so stark wie eine Furie, die Haare völlig zerzaust, das Gesicht tränenverschmiert, was ihre dunklen Augen noch intensiver leuchten ließ. Sie zitterte am ganzen Körper vor Kälte und ohnmächtiger Wut. In Lois' Kopf schalteten plötzlich die Gedanken wieder und ihr wurde bewusst, dass er – Superman – ganz tief in dieser Sache mit drin hing.
„Wo warst du? Warum warst du nicht da? Weißt du eigentlich, was du getan hast?“
„Ich?“ Clark war wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte geglaubt, Lois würde sich freuen, ihn zu sehen, seine starken Arme dankbar annehmen, sich von ihm trösten lassen.
„Ja, du! Du hättest ihn retten müssen!“
„Aber ich...“
“Du hast versagt! Im allerwichtigsten Moment unseres Lebens hast du versagt! Wenn man dich mal wirklich braucht, bist du nicht da!“
Mit diesen Worten drehte sie sich um und lief wieder los, ohne Ziel, in die dunklen Gassen hinein.
„Lois...“
Clarks Versuch, sie an den Armen zurückzuhalten, wurde von ihr heftig abgeschüttelt.
„Lois, lass mich dir doch bitte was erklären!“
Aber sie lief nur schneller, fing wieder an zu schluchzen und presste ein „Lass mich in Ruhe!“ durch die Zähne. Clark versuchte noch einmal, sie dazu zu bringen, ihm zuzuhören, aber es nützte alles nichts. Schließlich griff er zu dem letzten Mittel, das ihm noch einfiel: er fing Lois ein, hielt sie fest in seinen Armen und flog mit ihr hoch hinaus in die Luft. 
Lois schrie wieder los: „Lass mich! Ich will dich jetzt nicht sehen! Lass mich runter!“ und dabei strampelte sie, hämmerte ihre Fäuste gegen seine Brust und schüttelte ihren Kopf wild hin und her. „Lass mich los! Lass mich los!“
„Lois, ich muß dir was sagen...“
“Ich will es aber nicht hören! Superman, es geht dich zwar nichts an, aber ich habe Clark geliebt! Du kannst gar nicht verstehen, wie ich mich jetzt fühle! Ich habe es ihm nie gesagt...“
Die neuerliche Erkenntnis ihrer schrecklichen Situation ließ Lois' Widerstand ersterben, sie vergrub ihr Gesicht in Supermans breiter Brust und fing bitterlich an zu weinen.
Clark versuchte nun nicht mehr, auf sie einzureden, hielt sie fest und dennoch sehr zärtlich in seinen Armen, seufzte tief und flog mit ihr sehr langsam durch die Nacht, bis sie in seinen Armen eingeschlafen war.


Clark betrachtete Lois, wie sie da so zerknüllt auf ihrem Bett lag und erschöpft schlief. 

Sie war nicht aufgewacht, als er sie in ihr Appartement geflogen und auf dem Bett abgelegt hatte. Als er sie sanft zudeckte, sagte sie im Halbschlaf noch einmal schmerzvoll seinen Namen. Wieder tat Clark dies innerlich sehr weh, aber jemandem in seinen Alpträumen beistehen – das vermochte noch nicht mal ein Superman.
Also blieb er an ihrem Bett sitzen und wachte über ihren unruhigen Schlaf. Eingefallen sah sie aus. Grau und alt. Wunderschön natürlich immer noch, aber das Erlebte hatte sichtbare Spuren bei ihr hinterlassen. 
‚Sie scheint mich also tatsächlich sehr zu lieben. Wie sehr habe ich mir das gewünscht!’ Clark konnte es nicht fassen. Es war erst wenige Wochen her, da hatte sie seine Liebe zurückgewiesen und Lex Luthors Heiratsantrag angenommen. Damals war er an den Nordpol geflogen und hatte seinen Schmerz heraus geschrieen. 

Genau so stand Lois heute in dieser kalten Straße und schrie seinen Namen. Sollte sie ihn tatsächlich so lieben wie er sie, war es unwichtig, warum sie es ihm nicht früher gesagt hatte, warum auch er es nicht gewagt hatte, wieder auf sie zuzugehen in dieser Hinsicht. Das einzige, was nun zählte, war, Lois die Wahrheit zu sagen über seine zwei Identitäten und Clark Kent wieder zum Leben zu erwecken. Seine Wiederauferstehung dürfte nicht allzu schwierig werden, sobald er Lois auf seiner Seite wüsste, um ihm dabei zu helfen. Aber ihr die Wahrheit zu sagen, das würde richtig schwer werden. Ihre impulsive Art, die er schon so lange bewunderte, würde es nicht leicht machen, ihr sein Handeln plausibel zu erklären. Gewiss würde sie sauer reagieren, wenn sie erfahren würde, dass sie ihm selbst das Geständnis gemacht hatte und er dabei vorgab, jemand anders zu sein. Sie würde ihn einen Lügner schimpfen und womöglich sogar ihre Liebeserklärung zurücknehmen, mit ihrem geschockten Zustand erklären. Clark seufzte.
Zärtlich lächelnd blickte er auf seine kleine Furie, deren ganzes Wesen er so sehr bewunderte. Mit ihrem absoluten und kompromisslosen Willen hatte sie sich alleine durchs Leben gekämpft und war so weit gekommen, aber genau dieser Wille würde die kommende Auseinandersetzung ziemlich schwierig machen. Naja, auch dies würde er durchstehen. Das wichtigste war nun erst mal, dass Lois nicht mehr leiden musste, dass sie nicht mehr traurig sein musste über den Verlust ihres besten Freundes, und um das zu erreichen, durfte sie ruhig mal ein bisschen wütend auf ihn werden. 
Lois' Atemzüge wurden ruhiger, ihr Gesicht hatte sich entspannt und sie schien in einen tiefen, traumlosen Schlaf übergegangen zu sein. Clark beschloss, ins Wohnzimmer hinüberzugehen und seine Eltern anzurufen. Erstens musste er sie beruhigen, da sie vielleicht schon von der Polizei über seinen Tod informiert worden waren und außerdem würde ihm seine Mom in dieser „Frauenangelegenheit“ bestimmt ein paar wichtige Tipps geben können.
Leise schwebte er aus dem Schlafzimmer und nach einem letzten prüfenden, liebevollen Blick auf Lois' Schlaf schloss er die Tür.


Noch bevor Clark zum Hörer greifen konnte, klingelte das Telefon und er nahm schnell ab, damit Lois nicht aufwachen würde. „Lois Lanes Appartement?“
Perry Whites Stimme überschlug sich fast am anderen Ende: „Kent? Sind Sie das???“

„Nein, Mr. White, hier ist Superman.“
„Oh...“
Schweigen. Clark hielt auch die Luft an, weil er nicht wusste, inwieweit Perry gerade den Zusammenhang zwischen Clark Kents und Supermans Stimme kombinierte. Doch der Chefredakteur brauchte anscheinend nur einen Moment, um sich von dem Schrecken zu erholen.
„Die Polizei hat mich informiert. Wo ist Lois?“
„Keine Sorge, Mr. White, ich habe sie aufgegabelt. Sie war ziemlich am Ende, nachdem man auf Clark geschossen hatte. Sie schläft jetzt.“
„Wissen Sie näheres?“
„Nein, tut mir leid. Ich musste mich entscheiden, ob ich Lois helfe oder die Gangster verfolge.“
„Okay, dann danke erst mal, Superman. Das ist alles so schrecklich...“
Ohne ein weiteres Wort legte Perry White den Hörer auf und Clark seufzte. Er hatte die ganze Zeit nur an Lois gedacht, aber da waren noch andere Menschen, denen sein Tod sehr nahe ging und er wusste, dass er dringend das „Projekt Wiederauferstehung“ in Angriff nehmen musste. Aber nun erst mal der Anruf bei seinen Eltern.
„Mom?“
„Clark! Oh Gott, mein Junge, was ist passiert? Perry White rief eben an!“
Clark erzählte seiner Mutter die ganze Geschichte von Anfang an, erwähnte sogar den Schwertfisch, hörte sie die Luft anhalten, als er die Situation mit den Schüssen schilderte, und seine Stimme fing an zu zittern, als er erzählte, wie Lois ihr Liebesgeständnis in den Himmel geschrien hatte.
Martha sagte nicht viel. Selten hatte Clark sie bisher so schweigsam erlebt. Seine Mom wusste für jedes Problem eine Lösung und auf alle Fragen eine Antwort. Jetzt war sie erst mal einen Moment still. Dann fing sie zögernd an zu sprechen. „Clark... also... die einzige Lösung ist, Lois so schnell wie möglich die Wahrheit zu sagen... Du weißt inzwischen, dass du ihr vertrauen kannst, und wenn sie dich wirklich liebt, dann wird sie auch nicht lange auf dich böse sein. Vor allem nicht, wenn sie sich die Ernsthaftigkeit der Lage bewusst macht und dir helfen muß, einen Weg zu finden, wie du auftauchen kannst ohne dass jemand mitbekommt, dass du Superman bist. Am besten sagst du es ihr gleich, wenn sie aufwacht, damit sie nicht noch mehr leiden muß. Und damit ihr gleich an die Arbeit gehen könnt.“
Clark wusste, seine Mutter hatte mal wieder recht, und zwar vollkommen. Aber... „Mom, das ist mir irgendwo alles klar. Mein Problem ist eher wie ich ihr das alles beibringen soll. Du glaubst gar nicht, wie oft ich schon vor dem Spiegel gestanden habe, meine Brille abgezogen habe und zum Spiegel gesagt habe „Lois, ich bin Superman!“ – das war alles so – unecht. Ich hatte dabei immer ein mulmiges, falsches Gefühl. Mein Unterbewusstsein sagt mir, dass es für diese Enthüllung einen richtigen Zeitpunkt geben muss. Genauso richtig wie für einen Heiratsantrag.“
“Na, dann verbinde das doch gleich miteinander!“
„Mom, mach jetzt bitte keine Scherze, es ist mir wirklich ernst!“
„Ich verstehe dich ja, mein Junge. Aber du kannst nicht wertvolle Zeit damit verschwenden, auf die richtige Situation zu warten, die vielleicht nie eintreffen wird. Du kannst nicht abschätzen, was danach noch alles passiert, ob es vielleicht lebensnotwendig sein könnte, dass Lois dein Geheimnis kennt. Du weißt doch, man soll nie im Streit auseinandergehen, nie wichtige Sachen ungeklärt lassen, es könnte das letzte mal sein, dass man sich sieht.“
„Ja, ich weiß. Also soll ich ihr einfach ganz unromantisch sagen, was Sache ist?“
“Och Clark, ihr beide seid alleine zu Hause und ihr habt gerade Zeit, keiner ruft nach Superman, keiner wartet auf Clark und keiner wird Lois stören wollen. Auf was wartest du noch?“
„Okay, ich denke, du hast recht. Und wahrscheinlich mache ich es eher noch schlimmer, wenn ich es hinauszögere, womöglich fängt Lois dann noch an, sich selbst Vorwürfe wegen Clarks Tod zu machen, schließlich war sie es ja gewesen, die unbedingt in diesen Club wollte. Ich kenne Lois doch, wenn sie anfängt nachzudenken, kommt sie da auch noch drauf.“
„Mein lieber Sohn, du wirst das schon ganz richtig machen. Du bist der einfühlsamste und gewissenhafteste Mensch, den ich kenne, also grübele nicht darüber nach, was du falsch machen könntest, sondern was du tun musst, damit es Lois wieder besser geht. Und danach, was es für eine Lösung für deine Wiederauferstehung geben könnte. Ich rede inzwischen mit deinem Vater darüber und du rufst später nochmal an. Oder ihr beide fliegt einfach in Smallville vorbei!“
„Ist gut, Mom, danke erst mal. Grüß Dad von mir und – bis später!“
Leise legte Clark den Hörer auf die Gabel und seufzte tief. Seine Mutter hatte mal wieder so recht. Es konnte keinen besseren Zeitpunkt geben als jetzt, er durfte gar nicht länger warten, wenn er die Situation nicht noch verschlimmern wollte. Wenn Lois sich vorhin nicht so vehement gewehrt hätte, hätte er ihr sofort die Wahrheit gesagt, es tat einfach zu sehr weh, sie so leiden zu sehen wegen seines vermeintlichen Todes. Hatte sie tatsächlich gesagt, dass sie ihn liebte??? Mittlerweile kam ihm das so unwirklich vor. Aber da heute ja die Nacht der Enthüllungen war, würde er ihr auf jeden Fall auch sagen, dass er sie schon so lange liebte, dass er noch nie eine andere Frau so sehr geliebt hatte und dass er niemals wieder jemanden so würde lieben können. Aber nun erst mal eins nach dem anderen.
Clark entledigte sich endlich seines Superman-Kostüms und zog ein bequemes T-Shirt und Shorts an, die Brille setzte er nicht mehr auf, denn diese Tarnung war ja nun wohl nicht mehr nötig. Schnell fuhr er sich noch ein paar mal durch die Haare, um sie aufzulockern und notdürftig vom Gel zu befreien, dann öffnete er vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer und horchte auf Lois Atem. Sie schlief anscheinend immer noch tief und ruhig und er beschloss, hier bei ihr zu warten, bis sie wieder aufwachen würde, er wollte sie jetzt keine Sekunde mehr aus den Augen lassen. 

Leise schlüpfte er nun ins Bett neben sie, zog sich die Decke bis zum Hals und schaute sie an. Seine geliebte Lois. Bald schon würde sie die Wahrheit wissen. Sie war es wert. Sie war der einzige Mensch außer seinen Eltern, dem er schon immer vertrauen konnte. Ihr allein traute er es zu, dieses Geheimnis auszunutzen, und zwar für gute Zwecke. Mit ihrer Intelligenz, ihrem Spürsinn und ihrer Schlagfertigkeit würde sie es fertig bringen, Superman noch effektiver in der Arbeit des Teams Lane & Kent einzubinden. Sie, Lois Lane, war die Auserwählte, der einzige Mensch, der in schweren Prüfungen das höchste Ziel erreicht hatte: Supermans Partner zu werden. Bei diesen prosaischen Gedanken musste Clark plötzlich sehr über sich grinsen. Er wusste zwar, dass er recht hatte, aber auch, dass man diese Beziehung noch viel besser anders beschreiben könnte: Liebe und tiefes Vertrauen. Beides war in zarten Anfängen vorhanden, aber ausbaufähig. Sehr weit ausbaufähig. Clark lächelte immer noch, freute sich über seine warmen Gedanken, seine Zukunft mit Lois, die schon sehr bald beginnen würde, dessen war er sich plötzlich sehr sicher, und darüber, dass er nun tatsächlich mit ihr zusammen in einem Bett lag. „Alles wird gut...“ dachte er noch ein letztes mal, dann schlief auch er mit einem Lächeln auf den Lippen ein.


Lois merkte, dass sie so langsam wieder wach wurde. Sie hatte nicht geträumt, wusste aber beim Aufwachen, dass es ihr nicht gut ging. Dass irgendetwas dunkles ihren Schlaf beschwert hatte. Plötzlich jagten die schlimmern Gedanken wieder in ihren Kopf und da war sie wieder, die schreckliche Gewissheit: ‚Clark ist tot!’. Lois rührte sich nicht und presste die Augen zusammen. Nur nicht aufwachen. Tief und traumlos weiterschlafen. Nicht aufwachen müssen und der schrecklichen Wahrheit ins Gesicht sehen müssen. Lois versuchte, nicht zu viel zu denken, um nicht wieder weinen zu müssen, sie hielt die Luft an und konzentrierte sich auf die Dunkelheit, in die sie wieder eintauchen wollte, als sie plötzlich ein Atmen vernehmen konnte. Tiefe, langsame, gleichmäßige Atemzüge, direkt in ihrer Nähe. Vorsichtig öffnete sie die Augen und sah in das schlafende Gesicht von Clark. Schnell schloss Lois die Augen wieder. ‚Das muss eine Halluzination sein, ich bin im Delirium!’ Aber die Atemzüge waren doch zu deutlich und zu beharrlich. Vorsichtig öffnete Lois die Augen nochmal und zwang sich, genauer hinzusehen. Tatsächlich, da lag ein Mann und schlief, aber es war eindeutig Superman. 

Die Decke hatte er bis zum Kinn hochgezogen, darunter musste sein wohlbekannter Anzug versteckt sein. Superman? Richtig, der hatte sie ja aufgegabelt, als sie schreiend durch die Straßen gelaufen war, nachdem man Clark erschossen hatte. Ein Schluchzer wollte Lois den Hals hinaufkriechen, aber sie schluckte ihn hinunter. Besser Superman jetzt nicht aufwecken, auch er schien wohl ab und zu seinen Schlaf zu brauchen und schließlich war auch er ein guter Freund von Clark gewesen. Wahrscheinlich ging ihm das ganze genauso nahe wie ihr. Seltsam, dass Superman sich dazu herabließ, sich zu ihr ins Bett zu legen. Ein halbes Jahr zuvor wäre sie deswegen in Jubeln ausgebrochen, jetzt tat er ihr einfach nur leid und sie fühlte eine tiefe Verbundenheit zu ihm, die allerdings wenig mit der Liebe zu tun hatte, die sie für Clark empfand. Clark. Mein Gott, man könnte Superman echt für Clark halten. Wie er da so schlief, sah er richtig menschlich aus. Fast schon zu menschlich. So sehr vertraut. Wie Clark. Lois war verwirrt. Nun, als ihre Augen sich immer besser an die Dunkelheit gewöhnten – anscheinend war es Nacht und nur die Straßenlaterne brachte ein wenig Licht durch die offenen Vorhänge in das Schlafzimmer  – konnte sie auch mehr erkennen. Hatte sie jemals Clark beim Schlafen beobachtet? Hatte sie ihn überhaupt jemals so richtig betrachtet? Oder Superman? Also, der Mann, der hier neben ihr lag, war schön. Gutaussehend, das war ja eine äußerst subjektive Kategorie, aber von diesem Gesicht hier neben ihrem konnte sie mit gutem Gewissen behaupten, dass es ebenmäßig, ansprechend und einfach nur schön war. Vor allem seine Lippen. Diese Lippen hatte sie schon geküsst. Auf dem Flugplatz, nachdem Superman so viel von dem Pheromon-Spray abbekommen hatte und sie nicht widerstehen konnte, seinen Zustand ausgiebig auszukosten. 
An seinen Kuss konnte sie sich noch genau erinnern, er hatte sie ganz tief berührt. 

Genau so wie Clarks Kuss sie berührt hatte, als er damals die Stadt verlassen wollte. 
Als es so heiß war und Superman die Stadt verlassen wollte. 

Supermans Kuss. 

Clarks Kuss. 

Supermans Lippen. 

Clarks Lippen. 

Vorhin hatte sie sie noch berühren können. Lange und zärtlich, weil sie nicht mehr dazugekommen war, sie zu küssen, weil die Gangster sie dann schon von Clark runterrissen und ihn zur Tür hinaus schleppten. 

Es waren die selben Lippen. Es war der selbe Mund. Es war das selbe Gesicht. Supermans Gesicht. Clarks Gesicht. Clark ohne Brille sah ganz genauso aus wie Superman. Wieso war ihr das nie aufgefallen? Hatten die zwei Männer eine so völlig verschiedene Mimik und Art zu reden, dass sie diese Ähnlichkeit jetzt nur im Schlaf sehen konnte? Waren diese beiden Männer, die sie abwechselnd liebte und verehrte, tatsächlich ein und die selbe Person? Diese Erkenntnis traf Lois gleichzeitig eiskalt und ganz heiß. Heiß, weil das bedeutete, dass Clark gar nicht tot sein konnte. Er lag hier neben ihr, hatte sie als Superman immer beschützt und hatte wohl beschlossen, ihr nach dem Aufwachen sein Geheimnis zu erzählen und sie als wahrscheinlich einzige Person überhaupt in sein Doppelleben einzuweihen. Eiskalt, weil ihr schlagartig bewusst wurde, dass Clark als Superman mit angehört haben musste, dass sie ihn liebte. Dass er damals, als sie Clarks Liebe abgewiesen hatte, wenig später als Superman vor ihr stand und sich von ihr anhören musste, dass sie ihn lieben würde, wenn er nur ein ganz normaler Mann sein würde. Oh Gott! Was hatte er da nur über sie gedacht? Wie peinlich war ihr das jetzt! Und wie viele Dinge wurden ihr plötzlich klar! Dass es kein Wunder war, dass Superman nicht auftauchte, um Metropolis vor dem Nightfall-Asteroid zu retten, wenn Clark sein Gedächtnis verloren hatte. Dass Clark unbedingt gleichzeitig mit Superman Metropolis verlassen wollte, als es zu der großen Hitzewelle kam. Er konnte gar nicht erschossen worden sein, er musste ganz einfach seinen Tod vortäuschen um seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Auf einmal erschien ihr alles so logisch, und noch so viele andere kleine Gelegenheiten fielen ihr ein, als Clark plötzlich wegrannte und im selben Moment Superman auftauchte. Wie oft hatte er sie schon gerettet, auch als Clark, da hatte wohl tatsächlich jemand auf sie geschossen, an dem Tag, wo sie später von Finn fast erwürgt worden war.

‚Ach Clark, wie oft habe ich dir Unrecht getan und wie oft habe ich dich wohl verletzt. Aber du hast mich auch verletzt. Hast mir ständig vorgespielt, du wärest zwei verschiedene Personen...’ Eigentlich sollte sie jetzt wütend auf ihn sein. Im Prinzip hatte er sie ja nun schon über ein Jahr lang angelogen, immer wieder. Aber so einfach konnte Lois nicht nur sauer auf ihn sein. Dazu liebte sie ihn viel zu sehr, dazu war sie viel zu froh, dass er am Leben war, dass er sich sofort um sie gekümmert hatte und ihr jetzt sein Geheimnis verraten wollte. Warum sonst hatte er sich zu ihr ins Bett gelegt? Er hätte sie auch abliefern und sich weiter um seinen Superman-Job kümmern können. Nein, er war bei ihr geblieben, um sie zu trösten, mit ihr zu reden, sie in sein Geheimnis einzuweihen, sie zu seiner Partnerin zu machen. Zu seiner rein geschäftlichen Partnerin vermutlich, denn schließlich hatte er ihr erst wenige Wochen zuvor, direkt nach der zum Glück geplatzten Hochzeit mit Lex Luthor, gesagt, dass er sie nicht lieben würde. Oh nein. Aber da konnte sie noch später drüber nachdenken, jetzt war sie erst mal heilfroh, dass Clark noch am Leben war und dass sie nicht mehr um ihn trauern musste. Sie liebte ihn, und daran würde sich auch nichts ändern, egal wie er ihr gegenüber empfand. 
„Clark, ich liebe dich!“ flüsterte sie glücklich und so leise wie möglich und sie merkte nicht, wie ihr ganz sachte eine Träne aus dem Auge schlüpfte und über ihre Schläfe hinab auf das Kissen tropfte.


„Clark, ich liebe dich!“ 
Clark hörte diese Worte im Schlaf und im Bruchteil einer Sekunde registrierte er, dass er eingeschlafen gewesen sein musste, was er eigentlich gar nicht wollte und dass Lois anscheinend wieder angefangen hatte, unruhiger zu schlafen und von ihm zu träumen. Er zwang sich, keine Bewegung zu machen, um sie nicht abrupt aufzuwecken und schlug nur seine Augen auf. Überrascht stellte er fest, dass Lois keineswegs schlief. Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt und er schaute in ihre wunderschönen dunklen Augen, in denen ein sanfter Tränenschleier hing. Aber sie lächelte. Sie lächelte und sagte ‚Clark, ich liebe dich!’ – was hatte das zu bedeuten?
“Lois? Du bist wach?“
“Ja. – Clark.“
Ihr Lächeln war einfach überirdisch schön, sie schaute nicht zynisch oder spöttisch, nein, sie strahlte ihn einfach an. In dem Moment fiel alles von ihm ab, das in den letzten Stunden an ihm genagt hatte. Die Angst vor ihrer negativen Reaktion, die Wut über den Verlust seiner Identität und die Ungewissheit, wie es weitergehen sollte. Sie wusste es. Sie wusste alles. Und mal wieder war sie ihm einen Schritt voraus gewesen. Diese Frau war echt ein Phänomen. Oh Gott, er liebte sie so sehr, und in diesem Moment der Erkenntnis, in diesen dunklen Stunden des Lichtes, liebte er sie noch so viel mehr. Und die Situation machte es ihm leicht, ohne weiteres Zögern auch noch den Rest loszuwerden, der ihm auf der Seele brannte, lieber jetzt raus mit dem Satz als später, wo vieles Reden vielleicht die schöne Spannung kaputt gemacht hätte oder vielleicht sogar Lois aus Unsicherheit über seine zu erwartende Reaktion ihre Liebeserklärung zurücknehmen würde. Nein, er würde es ihr jetzt sagen.
Mindestens ebenso strahlend und erleichtert blickte Clark mit seinen dunkelbraunen großen Augen seiner Partnerin fest in die ihrigen und sagte:
„Lois. – Ich liebe dich auch.“
Lois setzte für einen Moment das Herz aus. Sie hatte mit allem gerechnet, mit einem Geflachse über ihren Spürsinn, mit einem trotzigen „Ich wollte es dir doch selbst sagen!“, mit einem besorgten „Wie hast du es herausgefunden?“, aber diese Aussage von Clark überwältigte sie vollkommen. Sie spürte, wie ihr nun richtig die Tränen in die Augen schossen, und dann war es mit ihrer Fassung vorbei. Sie warf sich an seine Brust, schlang die Arme um seinen Körper und fühlte sich auch gleich fest und sicher von ihm gehalten. Nun brach alles aus ihr heraus.
„Clark, oh Clark, ich war so dumm. Ich liebe dich schon so lange und wollte es nicht wahrhaben. Und nun dachte ich, du seiest tot! Stell dir vor, du stirbst und ich bleibe zurück mit dem Bewusstsein, nie den Mut gehabt zu haben, dir meine Liebe zu gestehen...“
Das Schluchzen wurde heftiger und ihre Stimme erstarb.
Clark wiegte sie fest in seinen Armen, er streichelte mit einer Hand das Haar auf ihrem Hinterkopf und bedeckte ihren Scheitel mit Küssen. Tief sog er ihren Duft ein, kein Parfum, sondern ihren ganz spezifischen Lois-Duft, den er unter tausenden von anderen Frauen erkennen würde. Er ließ Lois einen Moment Zeit, sich zu beruhigen und dann sagte er:
„Es tut mir so leid, Lois. Es hat mir fast das Herz zerrissen, dich so leiden zu sehen, aber du wolltest mir ja nicht zuhören. Ich wollte dir schon auf der Straße sagen, dass du nicht um mich trauern musst, aber ich kam nicht an dich heran. Entschuldige bitte, wenn ich vielleicht etwas grob war, als ich dich hierher gebracht habe."
„Ist schon okay. Ich danke dir. Ich danke Gott, dass du lebst. Ich danke ihm dafür, dass es dich gibt. Dass er dich zu mir geführt hat.“
Wieder fing Lois an zu weinen. Clark hielt sie nur fest und murmelte beruhigende Worte, bis Lois plötzlich sich gegen sein Festhalten wehrte. Lachend schaute sie ihm in die Augen, einen Moment lang hatte er Angst, sie würde hysterisch werden, aber es war die reine Erleichterung.
„Oh, Clark, schau mich an: ist das die unerschrockene, zielstrebige Lois Lane, die sich hier so gehen lässt und herumheult? Was ist nur aus mir geworden?“ fragte sie ihn mit einem schelmischen Blick um die Augen.

„Geworden? Du bist immer noch die schönste, liebenswerteste und faszinierendste Frau, die ich je kennen gelernt habe. Und es erfüllt mich mit großem Stolz, dass ich es geschafft habe, dich sprachlos zu machen!“
„He!“ Lois knuffte ihn mit der Faust in die Seite und er reagierte gespielt, als ob sie ihm damit wehgetan hätte.
„Autsch! Wirst du das wohl sein lassen? Ich will keine Frau, die brutal zu mir ist!“
Lachend knuffte Lois noch ein paar mal auf ihn ein, aber plötzlich hatten sich ihre Gesichter auf wenige Zentimeter einander genähert und beide sahen sich erstarrt tief in die Augen.
„Lois, ich bin so froh, dass dieses Versteckspiel nun ein Ende hat.“
„Das bin ich auch. Und ich bin...“
Nein. Worte waren jetzt störend. Unnötig. Viel zu irdisch. Hier herrschte jetzt ein wahrhaft außerirdisches Gefühl vor und in dem Moment, als sich die Spitzen ihrer beider Lippen ganz zärtlich trafen, blieb die Welt stehen. Diese Gefühle würden sie später nicht einander beschreiben müssen, sie empfanden beide exakt das gleich. Ein elektrisierender Strom, der von den Lippen durch den gesamten Körper bis in die Zehenspitzen floss und eine Erkenntnis freisetzte. Die Erkenntnis nämlich, dass noch nie eine ähnliche Situation im ganzen Leben ein nur annähernd so intensives Gefühl ausgelöst hatte, dass genau dies das Gefühl war, nach dem sie beide ihr ganzes Leben lang gesucht hatten. Zurückgeschnellt wie nach einem richtigen Stromschlag starrten sich beide ungläubig in die Augen und näherten ihre Lippen einander ein zweites mal. Nun war die Berührung noch zarter, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, und die Erkenntnis ‚Ich liebe dich, wie ich noch nie zuvor...’ wurde von dem immer intensiver werdenden Kuss und den immer vielfältigeren Gefühlen hinweggespült. Da folgte Antwort auf Frage, Dank auf Bitte und Nehmen auf Geben. 

In diesem einzigen, nur Minuten dauernden Kuss steckte ein Kennenlernen, das intensiver war, als Stunden des Redens es je sein konnten. Beiden war dies völlig bewusst und sie ließen sich immer weiter von dem Strudel mitreißen, gierig danach, in der Liebe des anderen zu ertrinken und diesen wunderschönen Traum zur Wirklichkeit werden zu lassen. Atemlos, nach schier endlos erscheinenden Minuten, hielten sie inne und schauten sich wieder in die Augen.
„Das ist es dann wohl“ meinte Lois trocken und löste damit die Spannung ein wenig.
„Oh Gott, wie lange habe ich davon geträumt. Danke, dass du da bist!“.
Das Verlangen war nun der Ruhe gewichen und Lois und Clark lagen ineinander verschlungen auf dem Bett, versuchten beide, langsam wieder klare Gedanken zu fassen und neben all der überwältigenden Liebe, die sie gerade erfüllte, auch ein wenig Platz für die Realität und die zu klärenden Situationen zu schaffen. Es war Clark, der als erster die Stille unterbrach.
„Lois? Ist alles in Ordnung zwischen uns?“
Ein leises Lachen war die erste Antwort und dann meinte sie: „Nun ja, ich habe noch eine ganze Menge Fragen an dich. Und gewiss noch das ein oder andere Hühnchen mit dir zu rupfen – Superman! Aber... ich weiß, dass ich gerade so glücklich bin, wie ich es noch nie in meinem Leben gewesen war und ich versuche gerade, meine Gedanken auf die Tatsache zu lenken, dass Clark Kent nicht tot bleiben darf. Clark! Ich brauche dich! Als meinen Partner, als meinen Freund und als meinen – ganz stinknormalen – nun ja – Mann. Ich will nicht als die Geliebte von Superman zur Zielscheibe werden, ich will ein ganz normales Leben mit dir. Und dazu musst du wieder auferstehen, egal wie.“
„Du willst mit mir leben?“ 
Ein kleines wissendes Grinsen auf Clarks Gesicht brachte für einen Moment die „alte“ Lois zum Vorschein: „He, Kent! Bilde dir ja nichts ein!“ Aber sofort wurde ihr Gesicht wieder ernst. „Ja, ich denke, das ist genau das, was ich will. Das, wonach ich mein ganzes Leben schon gesucht habe. Und wir werden darüber sprechen, sobald wir dieses kleine unbedeutende Problem hier gelöst haben. Also, was schlägst du vor?“
“Lois, ich habe vorhin schon mal kurz mit meiner Mom telefoniert. Was hältst du davon, wenn wir mal schnell nach Smallville fliegen und die Sache auch mit meinen Eltern besprechen?“
“Mit deinen Eltern???“
Nach einem kurzem Moment des Staunens gab Lois sich gleich selbst die Antwort: „Natürlich mit deinen Eltern. Sie wissen alles, nicht wahr?“
„Selbstverständlich, Lois. Meine Eltern sind – neben dir natürlich – die wunderbarsten Menschen auf der Welt.“
„Und ich denke fast, ohne sie wärst du nicht der Mensch geworden, der du heute bist. Wenn ich mir vorstelle, was jemand, der mit deinen Kräften ausgestattet ist, für ein Unheil damit anrichten könnte! Du bist bei den Leuten aufgewachsen, die dir genau die richtigen Werte vermittelt haben, dass du als erwachsener Mensch damit nur Gutes tust. Wie und wann kamst du eigentlich zu den Kents?“
„Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Was hältst du davon, wenn wir jetzt erst mal schlafen und ich sie dir morgen früh auf dem Flug nach Smallville erzähle? Wie ich zu meinen Eltern kam, wie ich zu Superman wurde und auch über die Rolle, die du bei Supermans Erfindung gespielt hast?“
“Ich???“
„Ja, du. – Neugierig?“ 
„Na, und wie! – Aber unheimlich müde bin ich auch. Das waren so viele Erlebnisse heute. Ich denke, du hast recht. Ich werde jetzt, mit der Gewissheit, dass du lebst und dass du mich liebst...“ Ihre Blicke trafen sich und beide lächelten sich ruhig an „...bestimmt besser schlafen als vorhin. Darf ich in deinen Armen schlafen?“
Wortlos schlang Clark die Arme um sie, wartete, bis sie sich bequem zurecht gelegt hatte und drückte ihr einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn.
„Schlaf gut, du geliebtes Wesen.“
„Ach Clark, hier so mit dir... zu liegen... ohne dass... mit... das ist... einfach....... magisch.............“


Die Sonne lachte durch das Fenster herein und warf ein goldenes Licht auf das eng umschlungen liegende Paar. ‚So freundlich wie sie strahlt, könnte man meinen, es sei überhaupt nichts passiert, wir hätten einen Ferientag und müssten keine Toten wieder auferwecken.’ dachte Clark bei sich. Er war schon seit einiger Zeit wach, bewegte sich aber nicht, weil er Lois noch nicht wecken wollte. Der gestrige Tag und die Nacht waren mit dem großen Schock und den vielen Enthüllungen doch sehr anstrengend für sie gewesen, und da sie immer noch eng an ihn gedrückt in seinen Armen lag, konnte er nicht aufstehen. Aber anstatt darüber nachzudenken, wie sie das Problem lösen könnten, dachte er nur an Lois. Was für ein unverschämtes Glück er doch hatte. Dass es ja sehr paradox war, dass er erst „sterben“ musste, damit sie tatsächlich zusammenkommen konnten. Wie man nur so lange nebeneinander her leben kann, wenn jeder in den anderen verliebt ist, ohne es zu merken und es sich selbst einzugestehen. Dass diese lange Zeit wohl vielleicht nötig war, um diese wunderbare Vertrauensbasis zwischen ihnen zu schaffen. Und wenn sie schon früher zusammengekommen wären? Dann wäre es bestimmt auch gut gegangen, wohl nur etwas anders verlaufen. Denn irgendwie spürte Clark schon immer eine so tiefe Verbundenheit zu Lois, die er nicht beschreiben könnte, die über das normale Gefühl von Verstehen und gemeinsamen Interessen hinaus ging. So, als wären sie füreinander bestimmt. Als hätte das Schicksal sie unerbittlich zusammengeführt, selbst wenn sie sich dagegen gewehrt hätten. Gespürt hatte er dies irgendwie schon immer, aber dann als Einbildung oder Wunschdenken abgetan. Heute allerdings, nachdem er Lois’ Worte der Nacht zuvor noch in seinen Ohren klingen hörte, war er sich ganz sicher, dass ihn seine Gefühle nicht getäuscht hatten. Dass noch nie etwas in seinem Leben sich so richtig angefühlt hatte wie das, was er jetzt gerade tat. Und dass es irgendeine höhere Macht geben musste, die ihrer beider Liebe unterstützt und bewacht, das wurde ihm augenblicklich klar, als er realisierte, dass diese ganze Nacht lang niemand nach Superman gerufen hatte, und das war schon Monate lang nicht mehr vorgekommen gewesen. Aufgrund dieser Erkenntnis musste Clark gleich wieder seufzen und er konnte nicht umhin, seiner Geliebten einen Kuss auf die Haare zu drücken.
Lois räkelte sich mit einem Brummeln, wurde dann aber schlagartig wach, als sie realisierte, wo sie war. Sie blinzelte in die Sonne und drehte sich mit einem Ruck zu dem Mann um, der sie noch immer in seinen starken Armen hielt. 
„Oh mein Gott!“
Sie starrte ihn verwundert und verliebt zugleich an.
„Diese Ähnlichkeit zwischen dir und – dir ist wirklich so fürchterlich frappierend, dass ich mir vor den Kopf schlagen könnte! Ihr – du – bist so... so... strahlend.“
Clark strahlte nun wirklich „Und du bist wunderschön!“ und nahm ihr Gesicht in die Hände, um ihr einen langen, zärtlichen Guten-Morgen-Kuss zu geben. Der Kuss war nicht so elektrisierend und fordernd wie der letzte Nacht, sondern der Austausch von Verständnis, von bei Licht besiegeltem Versprechen, von ehrlicher, tiefer Liebe. Wieder fiel es den beiden schwer, den Kuss aufzulösen und dann noch mehr, den Blick voneinander zu lösen, aber diesmal war es Lois, die die Initiative ergriff.
„An die Arbeit?“
„An die Arbeit!“
Beide sprangen abrupt auf, wie um zu verhindern, dass sie noch länger aneinander klebten und mussten beide über ihren Elan lachen. 
„Ach, Clark, ich mache mir jetzt fast keine Sorgen mehr, dass wir das Problem nicht lösen können, gemeinsam schaffen wir doch alles.“

„Ja, ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich mit dir zusammen viel mehr erreichen kann, als ganz alleine – trotz meiner Kräfte.“
„Wirklich?“ staunend hielt Lois inne und blickte ihn fragend an.
„Ja, Lois, ganz ehrlich. Es sind nicht nur die Werte, die ich bei meinen Eltern gelernt habe und die Kräfte, die die gelbe Sonne hier mir verleiht. Du hast mich beflügelt vom ersten Moment an, den ich mit dir zusammen verbringen durfte. Du hast mich auf die Idee gebracht, einen unantastbaren Superman zu schaffen, der alle seine Kräfte offen benutzen durfte. Und hauptsächlich hast du mich inspiriert und motiviert, mit deiner Zielstrebigkeit, deiner Logik und deinen manchmal unorthodoxen Methoden, an die ich vor dir nicht mal im Traum gedacht hätte!“
„So ist das also. Die perfekte Symbiose. Wieso sind wir dann nicht schon früher zusammengekommen?“
“Du wirst lachen, genau darüber habe ich vorhin nachgedacht, als du noch geschlafen hast. Hm, ich möchte mal behaupten, an mir hat es nicht gelegen!“
„Ach... Aber du hast mir doch gesagt, dass du mich doch nicht liebst, dass du das nur behauptet hattest, um mich von der Hochzeit mit Lex abzubringen!“
„Das war gelogen, Lois. 

Ich wollte dich einfach nur zurückhaben als meine Freundin und Partnerin und hatte viel zu viel Angst davor, dass du mich endgültig zurückweisen könntest.“
“Und genau das hätte ich nicht getan. Ich wollte dir nämlich gerade gestehen, dass ich wegen dir die Hochzeit habe platzen lassen. Ich habe nämlich Lex vor dem Altar einen Korb gegeben, das waren nicht die anderen, die diese Hochzeit verhindert haben, das war meine Liebe zu dir!“
Clark starrte sie sprachlos an. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf. Er rekapitulierte die Ereignisse und Gefühle dieser schwierigen Zeit und er war sich nicht sicher, ob ihm vielleicht etwas mehr Sensibilität damals hätte auf die Sprünge helfen können und damit einiges zu verhindern gewesen wäre. Es hatte ihn so viel Kraft gekostet, nicht alles aufzugeben nach ihrer Abfuhr, nicht sein Leben in Metropolis hinzuschmeißen, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie ihm viel zu wichtig war, um ihre Freundschaft aufzugeben. Er war geblieben und hatte sich darauf konzentriert, seinen eigenen Schmerz zu überwinden. Jetzt musste er sich damit auseinandersetzen, dass sie es in dieser Zeit dann wohl mindestens genauso schwer gehabt hatte wie er selbst!

„Habe ich dir sehr wehgetan?“
“Ach, Clark, das kann ich jetzt nicht mehr sagen. Bestimmt. Aber das ist jetzt unwichtig. Ich glaube, ich bin heute der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt und wir haben noch so viel Zeit zusammen. Zeit, um offene Fragen zu klären und uns gemeinsam an Situationen zu erinnern, die jetzt in einem anderen Licht erscheinen. Mein Gott, wie oft hast du mir schon das Leben gerettet! Wie oft habe ich dich und dein anderes Ich gegeneinander ausgespielt und miteinander verglichen und was weiß ich noch alles! Ich freue mich jetzt einfach. Darauf, dich und dein seltsames Leben richtig kennen zu lernen, dir als „Eingeweihte“ helfen zu dürfen und vor allem freue ich mich darauf, mit dir zu leben.“
„Lois, du bist einfach großartig. Ich hatte solch eine Angst vor deinen Vorwürfen, weil ich dich so lange belogen hatte. Ich weiß ja, wie du toben kannst, und jetzt verblüffst du mich durch deinen klaren Kopf in einer solch emotionalen Situation.“

“Ich bin einfach nur froh, dass du am Leben bist. – So. Und um dies auch offiziell zu machen, haben wir wohl eine Menge zu tun!“


Es dauerte nur wenige Minuten, bis Lois sich umgezogen und frisch gemacht hatte, ein paar Sachen waren auch schnell eingepackt und schon wurde sie zum Aufbruch gedrängt von Clark, der gerade noch Perry White – als Superman natürlich – telefonisch mitgeteilt hatte, dass er Lois zu Clarks Eltern nach Smallville fliegen würde, wo sie sich erholen könne. 
„Willst du so fliegen?“
„Nein, natürlich nicht! Pass auf! Das wollte ich schon immer mal vor deinen Augen tun.“
Clark drehte sich in sein Superman-Kostüm, ein bunter Wirbel aus rot und blau, und dann stand er vor ihr – Superman. In seiner ganzen Pracht. 

Mehr als ein „Wow!“ konnte Lois erst mal nicht sagen. Tatsächlich wirkte er in diesem Kostüm viel größer. Unnahbarer. Aber etwas war anders heute als sonst. Richtig! Sein Blick zu ihr, seine Mimik, seine Bewegungen, und nun auch sein Reden „Wollen wir? – Lois?“ – das war ganz Clark. Eindeutig. Lois lachte.
„Du bist ein guter Schauspieler, weißt du das, Clark Kent?“
Er nahm sie in seine Arme, wie er das schon so häufig gemacht hatte und flog mit ihr durch das offene Fenster hinaus.
„Was meinst du damit?“
„Naja. Es gehört einfach mehr dazu, sich ein paar Strumpfhosen anzuziehen und zu hoffen, dass durch diesen Anblick jedermann von deinem Gesicht abgelenkt wird. Du täuschst die Menschen wahrscheinlich einzig und alleine dadurch, dass du eine völlig andere Körperhaltung annimmst und dich ganz anders bewegst, wenn du das Kostüm anhast. Auch dein Reden und dein Blick sind so – anders.“
„Das hat meine kleine Reporterin ja mal wieder messerscharf beobachtet. Ich könnte wetten, dass es wahrscheinlich sowieso nicht mehr lange gedauert hätte, bis du mich von alleine entlarvt hättest. Und – ich bin sehr froh, dass es dir auch noch rechtzeitig gelungen ist. Denn du bist immerhin Lois Lane. Keinem anderen hätte ich es zugetraut, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und ich bin sehr stolz auf dich, dass du mich davor bewahrt hast, es dir beichten zu müssen!“
Lois lachte. „Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich die preisgekrönte Enthüllungsreporterin bin. Die Sache ist ganz einfach: ich liebe dich und sehe dich deswegen an wie sonst kein anderer dich anschaut. – Und ich liebe es, mit dir zu fliegen!“
Fest in seinen Armen, den Kopf in seine Halsbeuge gelegt, hatte sie die Augen geschlossen, spürte den Wind auf ihrem Gesicht und fühlte sich sicher. Etliche Meter hoch in der Luft, nur von ein paar starken Armen gehalten, denen sie geradezu ausgeliefert war, ein Gefühl, dass sie sonst überhaupt nicht leiden konnte. Ihre Selbständigkeit war ihr immer das Allerwichtigste gewesen, und jetzt konnte sie es absolut genießen, von einem Mann abhängig zu sein. Nicht von irgendeinem Mann. Sondern von dem stärksten Mann der Welt. Ein Außerirdischer, so fremd und doch so bekannt. So fern und doch so nah. Der Mann, den sie liebte. Schon immer. Bewusst wurde ihr das erst spät, aber zum Glück nicht zu spät.
„Ich liebe das Fliegen auch. Ich fing erst ziemlich spät, so mit 18, damit an, aber dann nutzte ich es auch gleich ständig. Vor allen Dingen, um den Kopf freizukriegen. Weißt du, es ist nicht leicht, wenn man als Kind merkt, dass man anders ist als die anderen. Dass man dieses Anderssein nicht zu Schau stellen darf, wenn man dazugehören will. Dass es sogar sehr gefährlich sein kann, wenn überhaupt jemand davon erfährt. Für denjenigen und für einen selber. Mein Vater hat mir immer eingeschärft, dass man mich in ein Labor einsperren und wie einen Frosch sezieren würde, und das hat tatsächlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich schwor mir, dass nie jemand mein Geheimnis erfahren sollte. Bis ich dich traf. Mir war im ersten Moment klar, dass du etwas besonderes bist. Dass ich tatsächlich mein Leben mit dir würde teilen dürfen, das ist das größte Geschenk, das ich je bekommen habe. Eine unglaubliche Erleichterung, diese Last nicht mehr ganz alleine tragen zu müssen.“
“Aber deine Eltern...?“
“Klar, meine Eltern waren und sind immer für mich da. Aber sie sind eben „nur“ Eltern. Jeder Vogel verlässt sein Nest und baut sich sein eigenes Leben auf. Das war für mich alles kein Problem, aber ich wusste, ein richtiges Leben würde ich nur führen können, wenn ich mein Geheimnis mit jemandem teilen könnte. Mit der Frau, die ich liebe.“
„Und die Frau, die dich liebt, ist unheimlich stolz darauf, dass sie dazu auserkoren wurde, die Bürde deiner Aufgabe mit zu tragen.“
Gerührt über die Entschlossenheit ihrer Worte musste Clark schlucken und fühlte seine Augen brennen. Auch Lois schwieg und dachte über ihr Leben nach, das bisher von Ehrgeiz und Langeweile geprägt war. Wie sagte Lucy doch damals so nett „Du hast keine Dates, du hast Interviews!“ Sie hatte so recht gehabt. Aber all dies hatte auch einen Sinn gehabt. Wenn sie vor Clark vielleicht jemanden kennengelernt hätte, der sie mehr als nur oberflächlich interessiert hätte, wäre sie für ihn vielleicht gar nicht bereit gewesen. ‚So hat alles im Leben seinen Sinn. Sogar die schmerzliche Erfahrung gestern, als ich dachte, dass die Liebe meines Lebens tot ist.’


Der Flug nach Smallville dauerte gar nicht sehr lange. Natürlich flog Clark langsamer, als wenn er alleine unterwegs war, und so konnte er die Zeit nutzen, Lois die Geschichte über seine Herkunft so gut wie möglich zu erzählen. 

Nach einer guten Viertelstunde landeten sie schon auf der Veranda seines Elternhauses. Die Farm lag zum Glück weit genug ab von den nächsten Häusern, sonst wäre es garantiert schon jemandem aufgefallen, dass Superman ständig bei den Eltern von Clark Kent zu Besuch war. Aber seine Eltern, die kannten das typische Geräusch, das Clark beim Anflug machte, und sofort ging die Tür auf und die Kents kamen ihnen schon entgegen.
Pa Kent begrüßte seinen Sohn mit einem Schulterklopfen und einem leicht sorgenvollen Blick und Martha schloss Lois in die Arme.
„Oh, Lois, ich bin so froh, dass du jetzt richtig zur Familie gehörst!“
„Aber...“
„Keine Widerrede! Da gibt es nichts dran zu rütteln. Du gehörst zu Clark, also gehörst du auch zu uns. So einfach ist das. Und jetzt kommt rein!“
Lois grinste innerlich. Schon bei ihrem ersten Besuch in Smallville hatte sie gemerkt, dass Martha eine äußerst patente Frau war, die ihr Gegenüber sofort durchschaute und sich nicht mit Peinlichkeiten abgab. Jetzt, wo sich die Bilder in ihrem Kopf zusammenfügten mit dem, was sie nun über Clark wusste, wurde ihr klar, dass seine Mutter eigentlich den allergrößten Anteil an der Tatsache hatte, dass er als Superman seine Kräfte ausschließlich für das Gute einsetzte. Jonathan Kent war zwar etwas stiller als seine Frau, aber wenn er was sagte, dann hatte das Hand und Fuß und seine Lösungsvorschläge waren immer die richtigen. Lois war so froh, so herzlich begrüßt worden zu sein und hatte tatsächlich sofort das Gefühl, dazuzugehören, und das sagte sie den Kents nun auch. 
„Ich danke Ihnen – euch! Ich finde es so großartig, wie ihr Clark geholfen habt, der Held...“ – hier fing sie sich einen kleinen Ellenbogenstoß von Clark ein – „...zu werden, der er heute ist. Ich denke, den größten Anteil daran hat eure Erziehung. Euer Vorbild.“
Martha lachte und wiegelte gleich ab: „Ach, Schätzchen, Lois, du wirst es mir nicht glauben, aber dein Anteil an dieser Sache ist mindestens genauso groß.“

“Meiner? Aber ich weiß es doch erst seit ein paar Stunden!“
“Glaub mir, eine Mutter fühlt so etwas. Seit er dich kennt, hat Clark endlich ein Ziel in seinem Leben. Vorher war er nur unterwegs, hat die ganze Welt bereist, mal hier und da gearbeitet und auch Menschen geholfen, aber sich so richtig effektiv für das Gute einzusetzen, das konnte er erst, als er dich kennen gelernt hatte und Superman geworden war. Und die Liebe zu dir, die Kraft eurer Freundschaft und dein Vertrauen, das du immer in ihn gesetzt hast, das hat seiner Aufgabe erst die richtige Richtung und Zielstrebigkeit gegeben.“
Lois war sprachlos. Sie warf einen nachdenklichen Blick zu Clark, den er mit einem sehr verliebten Blick beantwortete, und dann setzte sie sich nieder auf das Sofa. So eine wichtige Rolle zu haben in der Existenz dieses überirdischen Wesens Superman, das die Welt und unzählige Personen mehr als nur einmal gerettet hatte, das konnte sie noch nicht ganz begreifen. Sicher, im Nachhinein betrachtet, hatte sie schon immer das Gefühl einer tiefen Verbundenheit zu Clark gehabt und auch zu Superman, was ja jetzt logisch erschien, da sie wusste, dass beide ja ein und die selbe Person waren. Aber auch davor hatte sie anscheinend viel mehr Einfluss gehabt als sie je registriert hatte. Zwar hatte sie gemerkt, wie ihre Freundschaft gleichzeitig mit ihrer beruflichen Partnerschaft gewachsen war, aber diese Spannung zwischen ihnen, die spürte sie erst dann, als sie anfing, mehr für Clark zu empfinden. Sicher, sie fand Clark schon von Anfang an attraktiv, und ihre Schwärmerei für Superman war eigentlich ziemlich peinlich gewesen. Mein Gott, wie hatte sie sich manchmal schon kindisch aufgeführt. Ihn ausgerechnet im Nachthemd zu erwarten, als sie ihn fragte, ob denn für ihre Beziehung eine Chance bestünde. 

Wie oft hatte sie Clark vor den Kopf gestoßen und im nächsten Moment Superman schöne Augen gemacht! Und wie anständig war er dabei immer geblieben! Er hätte ihr Verhalten ohne weiteres ausnutzen können, vor allem an dem Tag, als sie sich unter dem Einfluss des Pheromonsprays auf ihn gestürzt hatte. Und auch letzte Nacht, sich einfach nur mit ihr ins Bett zu legen. Jeder andere Mann hätte das nicht ohne Hintergedanken getan... Wie hatte sie ihn wohl inspiriert? Mit ihren Wutausbrüchen und Ehrgeizattacken? Oder mit ihrer Zielstrebigkeit und Schlagfertigkeit? Hatte sie ihn vielleicht so sehr inspiriert, dass sie ihn sogar ablenken konnte? Dass er ihr aus kleinen Misslichkeiten geholfen hatte und unterdessen jemand hätte retten sollen, der wirklich in Gefahr war? Hatte sie vielleicht sogar Schuld an irgendetwas, weil sie ihm so wichtig war? ... Sollte es vielleicht sogar sein, dass eine Beziehung mit Clark gar nicht so gut war, weil sie dadurch Superman beeinflussen oder von seiner Arbeit abhalten könnte?
„Lois?“

Völlig in ihre trüben Gedanken versunken, hatte Lois sich in die Ecke des Sofas gedrückt und bekam nichts mehr mit, was um sie herum passierte.
„Lois!“
Clark stand direkt vor ihr, mit einer Tasse heißem Tee in der Hand und blickte besorgt auf sie herab. 
„Du schaust plötzlich so verknittert aus. Ist was passiert?“
„Ach Clark, ich hatte nur gerade Zeit, mir ein paar trübe Gedanken zu machen. Ob es wirklich fair ist, der Welt gegenüber, wenn ich mit Superman eine Beziehung eingehe und ihn von der Arbeit abhalte...“
„Och, Schatz!“ – Das war das erste mal, dass er sie so nannte und Lois’ Miene hellte sich gleich  ein wenig auf. Er stellte die Tasse auf den Tisch, setzte sich zu ihr und legte den Arm um ihre Schultern. 
„Soll ich dir die Wahrheit sagen? Ich denke, Superman kann sogar viel besser arbeiten, wenn er weiß, daheim wartet jemand auf ihn, den er liebt.“
Schon musste Lois wieder lächeln und blickte den Mann an ihrer Seite an.
„Du bist meine Inspiration, Lois, mein Halt, für den es sich lohnt, zu leben, mein Liebe, für die es sich lohnt, alles zu riskieren. So. Und jetzt muss ich losfliegen nach Metropolis und versuchen, diese Kerle unschädlich zu machen.“
„Was? Wie? So plötzlich?“
„Ja, ich habe gerade mit meinen Eltern besprochen, dass ich zuerst versuchen muss, die Bande zu finden. Dillinger wurde damals vor einem Kino verhaftet, da werde ich ihn vielleicht auch aufstöbern können. Und ihr überlegt in der Zwischenzeit gemeinsam, wie wir Clark Kent wieder auferstehen lassen können.“
“Okay. Du rufst sofort hier an, sobald du was weißt, okay?“
“Selbstverständlich werde ich das tun.“

Ein kurzer, aber intensiver Kuss beendete ihr Gespräch und Clark sprang auf.
Lois seufzte. „Clark?“ 
„Ja?“
„Ich liebe dich.“ 
Diesmal war seine Antwort nur ein Lächeln und Lois erwartete auch gar nicht mehr. Sie war glücklich, dass ihrer Beziehung schon ein gewisses Selbstverständnis anhaftete, obwohl sie erst ein paar Stunden alt war. 
Mit dem vertrauten „whoosh“ flog Clark Richtung Metropolis und Lois stand auf und ging in die Küche zu Martha und Jonathan.


Clark rief nicht mehr an, aber es dauerte keine drei Stunden, da war er wieder zurück in Smallville. Natürlich musste er sofort Bericht erstatten.
„Also, ich habe Dillinger tatsächlich vor dem Kino abfangen können. Ich musste ihn erst vom Dach werfen, damit er mir sagte, wo ich Capone, Bonnie und Clyde finden würde. Sie waren alle noch bei diesem Professor Hamilton versammelt und wollten sich gerade auf den Weg machen, die Party bei Planet zu stören. Empfindlich zu stören, denn sie waren bis an die Zähne bewaffnet.“
„Der Planet macht eine Party???“ Lois war nun doch etwas aufgebracht.
„Nun ja, Lois, du kennst doch Perry. Ich nehme an, er hat angeordnet, dass die Party erst recht stattfinden soll, vielleicht sogar zur Ehre, zum Gedächtnis von Clark Kent. Vielleicht kommen wir ja noch rechtzeitig, um Trauerreden zu verhindern!“
„Ja, Clark, wir haben uns schon einige Gedanken gemacht und...“
„Nein, Lois, warte. Lass mich erst zu Ende berichten. Die Polizei kam dann sehr schnell und hat die Gangster mitgenommen und Professor Hamilton auch. Ich denke, den werden sie bald wieder freilassen, er hat wohl selbst nicht damit gerechnet, dass seine Experimente so ausufern würden. Bevor er abgeführt wurde, musste ich ihm noch versprechen, sein Labor und alle Aufzeichnungen zu zerstören, damit keiner mehr ein Unheil damit anrichten kann. Tja, bei der Gelegenheit habe ich noch schnell seine Unterlagen überflogen, und da kam mir eine geniale Idee. Wir erzählen einfach, Superman hat Clark gefunden, als seine Leiche auf die Straße geworfen wurde und ihn sofort mit seinem Superatem eingefroren, um das Gewebe zu erhalten. Dann sei er in Professor Hamiltons Labor geflogen und den Anweisungen in dessen Manuskript gefolgt. Auf diesem Wege konnte er Clark wieder zum Leben erwecken und es ist, als wäre er nie tot gewesen.“
“Clark, das ist genial!“
“Prima, mein Junge, das wird euch jeder glauben!“

„Ja, Sohn, aber wie wollt ihr erklären, dass ihr so lange verschwunden wart?“
Jetzt war Lois wieder an der Reihe, blitzschnell hatte sie die Fakten kombiniert und war mit der Lösung parat.
„Wir müssen gar nicht so weit von der Wahrheit abschweifen. Superman hat mich dann aufgegabelt und nach Hause gebracht, konnte mich aber noch nicht beruhigen, da er noch nicht wusste, ob das Experiment mit Clarks Leiche geklappt hatte. In dem Moment rief Perry an, und dem konnte er natürlich auch noch nichts sagen. Als ich dann schlief, hat er Clark dann aus dem Labor abgeholt und zuerst einmal nach Smallville geflogen, um seine Eltern zu beruhigen, die ihren Sohn mit eigenen Augen sehen wollten, weil sie am Telefon solch ein Wunder bestimmt nicht geglaubt hätten. Danach musste Superman auch mich noch abholen, mir schonend die Wahrheit beibringen und mich ebenfalls nach Smallville fliegen. Unsere Wiedersehensfreude war dann so groß, dass wir erst mal ein paar Stunden dazu gebraucht haben, unsere Gefühle zu sortieren, und damit haben wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: niemand wird uns fragen, warum wir plötzlich ein Paar sind! Das ist genial!!!“

Lois sprang lachend durch die Küche und fiel abwechselnd Clark, Martha und Jonathan um den Hals um dann endgültig sich in Clarks Arme zu werfen und sich einen Kuss abzuholen. Sie war so glücklich, dass sie sich überhaupt nicht mehr um die Tatsache kümmerte, dass sie Zuschauer hatten. Martha und Jonathan lächelten sich wissend an und klopften dann ihrem Sohn anerkennend auf die Schulter.
„Ihr zwei seid echt ein tolles Team! Das wird so funktionieren!“ und Jonathan ergänzte: „Ja, und diese Lösung ist viel besser, als das, was wir uns ausgedacht hatten.
„Stimmt, euch ist ja auch was eingefallen. Erzählt doch mal!“
„Nun ja“ begann Martha, „es ist vielleicht nicht besonders originell, aber wir dachten an eine Zigarrenschachtel oder ein Mobiltelefon in deiner Jackentasche, das die Kugel abgefangen hat. Das hätten wir irgendwie auch konstruieren können, aber eure Lösung ist doch viel eleganter, gerade was das Zeitproblem angeht. Allerdings bedeutet das wohl auch, dass ihr jetzt sofort losfliegen müsst, um die Party nicht zur Trauerfeier für Clark Kent werden zu lassen.“
„Natürlich, Mom, du hast recht! Also, dann werden wir mal.“
„Aber wir kommen ganz bestimmt sehr bald wieder, nicht wahr, Clark? Ich fühle mich so wohl bei euch, und dank Superman-Express wohnt ihr ja gar nicht so weit weg, wie ich immer dachte!“
Alle lagen sich lachend in den Armen, erleichtert über den glücklichen Ausgang und gestärkt durch das gewachsene Zusammengehörigkeitsgefühl, und dann machten sie sich ohne großen Abschied auf den Weg nach Metropolis. Clark nahm Lois in die Arme und flog schnell mit ihr davon. Martha und Jonathan standen noch eine ganze Weile Arm in Arm auf der Veranda und schauten ihnen hinterher.
„Was meinst du, Martha, wann werden die beiden heiraten?“
„Ach, Jonathan. Ich wusste schon immer, dass sie füreinander bestimmt sind und ich denke, sie wissen es jetzt auch. Ich hoffe mal, dass das Schicksal es gut mit ihnen meint und ihnen nicht zu viele Steine auf diesen Weg legen wird...“


Der Flug zurück nach Metropolis war noch schöner als der nach Smallville wenige Stunden zuvor. Endlich konnten Lois und Clark wieder ein wenig Zweisamkeit genießen. Sie hatten noch nicht viel Zeit für Zärtlichkeiten gehabt und erst recht nicht für die vielen offenen Fragen. Aber beide waren unendlich glücklich, dass sie es nun doch so schnell geschafft hatten, zusammen zu kommen, und wussten, dass sie nun alle Zeit der Welt hatten, um einige Dinge zu klären. Um sich besser kennen zu lernen, sich mit dem anderen auseinander zu setzen, sich zu erforschen, sich zu lieben. Kaum ein Wort wechselten sie unterwegs, hielten sich nur fest umschlungen, als müssten sie all das nachholen, was sie bisher als nur Kollegen und Freunde versäumt hatten.

In der Sicherheit der Nacht landeten sie auf dem Dach des Daily Planet und Clark rotierte aus dem Superman-Kostüm in Anzug und Krawatte, und wieder blieb Lois vor Staunen der Mund offen stehen.
„Das wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe. Was kannst du sonst noch Atemberaubendes, von dem ich nichts weiß?“
„Na, zum Beispiel das hier!“
Er zog sie ohne Vorwarnung an sich und küsste sie. Wild. Stürmisch. Leidenschaftlich. Und so fordernd, dass ihr die Knie weich wurden. Ihr schwanden fast die Sinne unter seinen Berührungen, sie hatte nicht mal mehr die Kraft, sich an ihm festzuhalten, aber sein unendlich starker Arm hielt sie sicher, mit der anderen Hand hielt er ihren Kopf und unterstützte damit die Eindringlichkeit seines Kusses. 

Unzählige Schauer rasten Lois durch den ganzen Körper und sie erwiderte seine Begierde mit einer Leidenschaft, die sie an sich bisher noch nie festgestellt hatte. Sie wusste gar nicht, dass ein bloßer Kuss so etwas wunderbares sein konnte, dass es jemals ein Mann überhaupt schaffen würde, sie willenlos zu machen. In diesem Moment hätte er alles mit ihr tun können, sie war ihm hilflos ausgeliefert und fühlte sich dabei so wohl wie noch nie. Umso größer war der Schock, als er seine Lippen von den ihrigen löste. Er schaute ihr tief in die Augen und lächelte glücklich über das ganze Gesicht. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihn fixieren konnte, so schwindelig war ihr geworden, und dann konnte sie nur hauchen: „Oh Clark, was tust du nur mit mir?“
„Dich lieben. Weiter nichts.“
„Hör bitte nicht auf damit, ja?“
„Nein, das werde ich nie. Das verspreche ich dir.“
Noch ein paar Sekunden lang schien die Zeit stillzustehen, dann mussten sie sich endlich voneinander lösen, um sich auf den Weg nach unten zu machen.


Dass die Party in vollem Gange war, konnte man nicht behaupten. Alle Kollegen standen in kleinen Grüppchen beisammen, Gläser oder Schnittchen in den Händen, aber es war bedrückend ruhig. Es wurde nur leise geredet, keiner lachte oder versuchte, die Stimmung aufzuheitern. Lois und Clark hatten unbemerkt die Empore betreten und blickten hinab auf die Trauergemeinde. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, aber dann wurde es plötzlich mucksmäuschenstill im Saal. Einer nach dem anderen drehte sich zur Empore hin und starrte ungläubig auf Lois und Clark. Bis eine junge Stimme die Erstarrung auflöste.
„C.K.!!!!!!!“
Jimmy rannte zu Clark und warf sich in seine Arme.

„Oh Gott, du lebst! Ich glaube es nicht!“
Auch Perry White verlor fast die Beherrschung.
„Clark, mein Junge, das müssen Sie mir jetzt aber erklären!“ Kopfschüttelnd blickte er von der strahlenden Lois zum grinsenden Clark. „Wie habt ihr zwei das nur wieder hingekriegt? Ihr seid wirklich unglaublich!“

Plötzlich war die Erleichterung im gesamten Saal zu spüren, die Gespräche flammten heftig und erregt auf, keiner wagte es, die Runde mit dem Chefredakteur und dem gerade von den Toten auferstandenen Kent zu stören, alle wussten, dass sie sich bis zur nächsten Planet-Ausgabe gedulden mussten, aber gerade deswegen kochte die Gerüchteküche jetzt hoch. Und die vier nutzten das Abschweifen der Aufmerksamkeit dazu, schnell gemeinsam von der Party zu verschwinden. Im Aufzug erklären Lois und Clark Perry und Jimmy zumindest mal in einer Kurzfassung, was in der Zwischenzeit alles passiert war und wie Superman es tatsächlich geschafft hatte, Clark zu retten. Sie versprachen, die fertige Story morgen abzuliefern und verabschiedeten sich dann, um sich von den Strapazen zu erholen. Perry und Jimmy waren überwältigt und erleichtert und machten sich gemeinsam auf den Heimweg.
Endlich wieder alleine und im Schutz der dunklen Seitengasse hinter dem Planet, verwandelte sich Clark wieder in Superman und umarmte Lois, um ihr einen flüchtigen, aber festen Kuss zu geben.
„Na, Lois, und wir? Eigentlich sollten wir noch dein Auto beim Club abholen, aber ich bin wirklich unheimlich müde.“
“Du und müde? Ich dachte, Superman braucht keinen Schlaf.“

“Natürlich muss ich auch mal schlafen, Lois. Nicht so viel wie normale Menschen, aber auch  meine Akkus sind irgendwann leer, wie man so schön sagt. Weißt du, tot sein ist ganz schön anstrengend! Ich hatte auch vorher nicht allzu viel Schlaf und ich fürchte fast, dass mich der Schlaf jeden Moment übermannen könnte. Stell dir vor, ich schlafe einfach im Auto ein und höre nicht mehr zu, wenn du mir was wichtiges erzählen willst?“
„Du hast recht, ich bin auch ziemlich erledigt. Also, dann würde ich vorschlagen, du fliegst uns schnell zu mir und wir machen es uns wieder in meinem Bett gemütlich? Genau so wie letzte Nacht? Daran könnte ich mich wirklich gewöhnen!“
“Ach Lois, ich hatte gehofft, dass du das sagst. Ich möchte jetzt nichts lieber als das. Mit dir in meinen Armen einschlafen, tief und fest, in der Gewissheit, dass wir kein Problem zu lösen haben und vor allem – dass wir uns lieben.“
“Ja, Clark, wir lieben uns. Ist das nicht wunderschön?“

Ohne ein weiteres Wort hob Clark mit Lois vom Boden ab und flog mit ihr in die Nacht davon.


 

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